Orte des Unrechts
Anlässlich des 80. Jahrestags der Befreiung Wolfenbüttels am 11. April 2025 sind im Stadtraum dreizehn Stationen entstanden. Sie stehen für zwölf Jahre Nationalsozialismus in Deutschland und verweisen exemplarisch auf Schlüsselereignisse, die zur Etablierung eines menschenverachtenden Systems beigetragen haben. Die Stationen sind den authentischen Orten des Unrechts zugeordnet und die Bilder laden dazu ein, auf Spurensuche zu gehen: Warum gerade hier? Was ist an diesem Ort passiert? Wer ist da zu sehen? Welche Geschichte steckt dahinter? Antworten auf diese Fragen lassen sich über die einzelnen Stationen finden. Die Texte und Audios erzählen von historischen Personen und Orten in Wolfenbüttel. Ihre Schicksale verdeutlichen, wie durch den Ausbau staatlich legitimierter Gewalt und bürokratischer Strukturen die Isolierung, Entmenschlichung und Vernichtung von Opfergruppen auch in Wolfenbüttel immer erbarmungsloser vorangetrieben wurde.
المحطات (13)
- 11933: Verfolgung politischer Gegner - Orte des Unrechts
Mühlenstraße 5, ehemalige NSDAP-Kreisgeschäftsstelle
Um Aktivitäten der politischen Opposition zu unterbinden, gingen im Braunschweigischen ab März 1933 NS-Gruppen auf Streife. In der Nacht vom 29. auf den 30. Juni begegneten sich in Braunschweig zwei dieser Streifen. In der Annahme, Kommunisten vor sich zu haben, schossen sie aufeinander. Dabei wurde der SS-Mann Gerhard Landmann getötet.
NS-Parteigänger verbreiteten in der Öffentlichkeit, dass es sich um ein Attentat von Kommunisten gehandelt habe. Mit dieser bewussten Verdrehung schufen sie sich eine Legitimation, gewaltsam gegen Oppositionelle im Lande vorgehen zu können.
Am späten Abend des 6. Juli folgten in Wolfenbüttel Hilfspolizei-Trupps dem Auftrag, namentlich aufgelistete Oppositionelle in Haft zu nehmen und in die NSDAP-Kreisgeschäftsstelle im Obergeschoss des Hauses Mühlenstraße 5 zu bringen. Hier waren die Festgenommenen, nachdem man sie schon auf dem Wege dorthin misshandelt hatte, unbeschreiblich enthemmten Folterexessen ausgesetzt.
Otto Rüdiger, 1946 erster wieder frei gewählter Bürgermeister, erinnerte sich rückblickend: „[Im Juli 1933 geschah das größte Verbrechen, das in Wolfenbüttel von den Nazihorden bis dahin begangen wurde. Es] wurden […] Verhaftungen von 15 Wolfenbüttelern vorgenommen, die angeblich die KPD wieder aufbauen wollten. Als Leiter dieser Aufbauarbeiten wurden die Arbeiter Alfred Müller, Alfred Perkampus und Fritz Fischer angesehen. Alle wurden zunächst nach der [...] Mühlenstraße befördert und furchtbar misshandelt. Nachdem wurden die Zusammengehauenen mit einem Lastwagen nach der AOK Braunschweig gebracht. Perkampus verstarb auf dem Wege nach Braunschweig, Müller und Fischer hauchten ihr Leben [wenig später aus]. Die Opfer wurden [...] bei Helmstedt verscharrt. Jeder Wolfenbütteler schauderte, sobald er von den Mordtaten erfuhr. Derartige Scheußlichkeiten konnten normale Menschen einfach nicht glauben. [Die Täter] waren Menschentiere [gewesen].“
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- 21934: Harte Urteile bei kritischen Äußerungen - Orte des Unrechts
Neue Straße 32, Wohnort von Bertha Schmeding
Die Lehrerin Bertha Schmeding nimmt 1934 kein Blatt vor den Mund, wird denunziert, zu einer Haftstrafe verurteilt und kommt 1938 ums Leben.
Braungebrannt und gut erholt macht Bertha Schmeding im Sommer 1934 Einkäufe in Wolfenbüttel. Sie ist Fremdsprachenlehrerin und liebt Auslandsreisen. Bei einem kleinen Plausch mit einer Bekannten schwärmt die 52-jährige von ihrer letzten Schiffsreise. Dort hätte sie sich viel freier gefühlt, weil sie mit „Guten Morgen“ oder „Guten Tag“ grüßen konnte. Auch hätte sie dort erfahren, was für ein Feigling Hitler sei und überhaupt hätte man im Ausland ein ganz anderes Bild vom deutschen Reichskanzler als hier. Bertha Schmeding verabscheut die neue Regierung, ihre glücklichsten Jahre verbindet sie mit dem Kaiserreich. Trotzdem ist sie Mitglied im nationalsozialistischen Lehrerbund.
Schmedings Äußerungen werden weitergetragen, sie wird denunziert und eh sie sich besinnen kann, büßt sie eine Haftstrafe ab. Nach zwölf Monaten kommt sie auf Bewährung frei. Die Ausübung des Lehrberufs ist ihr verboten, nicht einmal Nachhilfe darf sie erteilen. Gleichzeitig wird ihre gute Pension gestrichen, auf die sie immer stolz war. Stattdessen gehen die Gerichtskosten zu ihren Lasten. Bertha Schmeding steht völlig mittellos da und überlebt die nächsten drei Jahre wohl nur durch Zuwendungen ihrer Brüder, die aber weit entfernt leben.
Es ist bereits dunkel, als sie sich im Dezember 1938 nach einem Besuch von einer Bekannten verabschiedet. Sie schließt noch die Gartenpforte des Hauses und will gerade die Straßenseite wechseln, als sie von einer herannahenden Straßenbahn erfasst wird und noch vor Ort stirbt.
Die genauen Umstände ihres Todes konnten nie geklärt werden.
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- 31935: Nürnberger Gesetze - Orte des Unrechts
Krambuden 11
Das hier zu sehende Bild „Krambuden“ entstand im Jahr 1975 und wurde vom Wolfenbütteler Künstler Otto Bücher gemalt. Nicht immer konnte der im Jahr 1895 geborene Maler so frei seinem Beruf nachgehen.
Die 1935 erlassenen „Nürnberger Gesetze“ trafen ihn und seine Frau Elli hart. Durch die Gesetze sollte die nationalsozialistische Rassenideologie durchgesetzt und eine Spaltung von „arischen“ und „minderwertigen“ Menschen vorangetrieben werden. Dabei war es irrelevant, ob sich eine Person beispielsweise selbst als „jüdisch“ verstand oder der jüdischen Gemeinde angehörte. Es zählte nur die gesetzliche Klassifizierung, die Menschen in sogenannte Voll-, Dreiviertel-, Halb- und Vierteljuden unterteilte. Dieser Status legitimierte ihre Entrechtung, Diskriminierung und Vernichtung. Durch das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" wurden Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen geregelt.
Elli Freudenthal wurde als Tochter jüdischer Eltern in Berlin geboren. Sie lernte Otto Bücher in Weimar kennen, die beiden heirateten 1923 in Wolfenbüttel. 1935 wurde ihre Ehe durch die „Nürnberger Gesetze“ als „privilegierte Mischehe“ klassifiziert. Dies hatte zahlreiche Schikanen und Repressalien zur Folge.
Otto Bücher verweigerte eine Scheidung, was seiner Frau Elli einen gewissen Schutz bot, ihn aber in berufliche Schwierigkeiten brachte. Bereits 1933 musste er seine Tätigkeit als Lehrer für Malklassen einstellen, 1936 wurde er zudem aus der „Reichskammer der bildenden Künste“ ausgeschlossen, durfte weder als freischaffender Künstler tätig sein, noch an Ausstellungen teilnehmen oder öffentliche Aufträge erhalten. 1944 wurde er zu Zwangsarbeit in einem Blankenburger Lager verpflichtet.
Ehefrau Elli erhielt im Januar 1945 ein Schreiben der Gestapo, dass sie innerhalb von drei Tagen nach Theresienstadt deportiert werden würde. Durch schicksalhafte Umstände konnte sie sich in den Büroräumen des befreundeten Ernst Koch verstecken, wo sie dank mutiger und engagierter Menschen bis zum Kriegsende überlebte.
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- 41936: Boykott-Aktionen - Orte des Unrechts
Lange Herzogstraße 35, Kaufhaus Daniel
Boykotte wurden in den 1930er Jahren als gezielte Maßnahme eingesetzt, um die jüdische Bevölkerung in den in wirtschaftlichen Ruin zu treiben. Zwei Monate nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler fand am 1. April 1933 eine Boykott-Aktion im ganzen Reich statt: Uniformierte postierten sich vor Eingängen von jüdischen Geschäften, verteilten Handzettel und versuchten Kunden vom Betreten der Geschäfte abzuhalten. Laut Ankündigung sollten Handgreiflichkeiten vermieden und die Sicherheit der jüdischen Geschäftsinhaber gewahrt bleiben.
Der Wolfenbütteler Theologe und Historiker Dietrich Kuessner beschreibt in einer Rede folgendes:
„In Wolfenbüttel verließen sich die jüdischen Geschäftsinhaber nicht auf solche Zusagen und öffneten gar nicht erst die Geschäfte. […] *Eine zweite öffentliche antisemitische Welle, der sich keiner mehr entziehen konnte, startete die Partei im Sommer 1935. Sie ließ nach auffällig vielen Hetzartikeln in der Presse an den Ortsausgängen und auch an Kreuzungen und Verkehrsknotenpunkten in den Städten große Schilder aufstellen mit gemeinen Drohungen wie „Juden unerwünscht“ oder „Juden betreten den Ort auf eigenen Gefahr“ oder: „Rebekka packe die Koffer“ und „Moses wandere aus“.“
*
Eine ausführliche Berichterstattung samt Auflistung aller verbliebenen jüdischen Firmen, veröffentlichte die Lokalpresse ebenfalls. Unter den genannten war auch der Textilwarenhandel von Hermann Daniel. Jahrelang war er mit seinem „Haus der Qualitätswaren“ eine wichtige Einkaufsadresse, veranstaltete Modenschauen und brachte Berliner Künstler in die Provinzstadt Wolfenbüttel. Die Boykotte hielten an, Kunden wurden fotografiert, bedrängt und unter Druck gesetzt, bis Hermann Daniel sein Geschäft nicht mehr halten konnte.Im Juli 1938 annoncierte Willi Sparmann, er habe das Geschäft unter Zustimmung „behördlicher und parteiamtlicher Stellen“ erworben und werde es nun unter „arischer Hand“ weiterführen.
Hermann Daniels Leben endet im Vernichtungslager Sobibor.
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- 51937: Die Hinrichtungsstätte im Strafgefängnis Wolfenbüttel - Orte des Unrechts
Ziegenmarkt 10
Im Herbst 1937 richtete das Reichsjustizministerium im Strafgefängnis Wolfenbüttel eine zentrale Hinrichtungsstätte für Norddeutschland ein. Der damalige Gefängnisvorstand Hans Greiffenhagen (1895–1970) hatte seine Anstalt dafür vorgeschlagen und detaillierte Pläne vorgelegt. Am 12. Oktober 1937 wurde das erste Todesurteil in Wolfenbüttel vollstreckt. Da der Umbau des früheren Schlossereigebäudes noch nicht fertiggestellt war, fanden die Hinrichtungen bis Mai 1938 im Gefängnishof statt.
Bis zur Befreiung im April 1945 wurden in Wolfenbüttel 526 Menschen hingerichtet, darunter 31 Frauen. Die meisten Urteile fällten NS-Sondergerichte ohne rechtsstaatliche Grundlage. Die Angeklagten hatten in den Verfahren kaum Rechte, mildernde Umstände spielten keine Rolle. Mehr als 200 Todesurteile verhängten die Richter auf Grundlage der „Volksschädlingsverordnung“, häufig auch wegen politischer Widerstandshandlungen.
Die Zahl der Hinrichtungen stieg mit Kriegsbeginn 1939 stark an. Rund 42 Prozent der Verurteilten stammten aus besetzten Ländern wie Belgien, Frankreich, Polen oder der Sowjetunion. Die Urteile wurden überwiegend mit der Guillotine vollstreckt.Der Scharfrichter Friedrich Hehr führte die Exekutionen durch. Vor der Hinrichtung wurde den Verurteilten die Ablehnung ihres Gnadengesuchs mitgeteilt, danach standen sie unter ständiger Bewachung. Zum Tode verurteilte Frauen wurden kurz vor der Vollstreckung aus dem Rennelberg-Gefängnis in Braunschweig überführt und in einer Zelle im Hinrichtungsgebäude festgehalten.
Das letzte Todesurteil wurde am 15. März 1945 vollstreckt. In seltenen Fällen wurden die Leichname der Hingerichteten den Angehörigen übergeben, meist wurden sie auf Wolfenbütteler Friedhöfen bestattet oder an das Anatomische Institut der Universität Göttingen überstellt.
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- 61938: Die Novemberpogrome - Orte des Unrechts
Lessingstraße 10, Wohnort von Familie Steinberg
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 lief im nationalsozialistischen Deutschland eine gezielte Gewaltaktion gegen die jüdische Bevölkerung: von ihnen geführte Geschäfte wurden geplündert, Wohnungseinrichtungen zerstört und deren Synagogen niedergebrannt. Mehr als eintausend jüdische Mitbürger verloren bei der Aktion ihr Leben, viele Tausende wurden verhaftet und verschleppt. Die Polizei, längst zum Werkzeug des NS-Systems gemacht, griff nicht ein.
In Wolfenbüttel wurden am 10. November etwa gegen zwei Uhr morgens aus Braunschweig kommende SA-Leute vor die Synagoge in der Lessingstraße gefahren. Sie drangen gewaltsam in das Gebäude ein, zerschlugen das gesamte Inventar und setzten das Gotteshaus in Brand. Die erst Stunden später hinzugezogene Feuerwehr musste sich darauf beschränken, ein Übergreifen der Flammen auf die Nachbarhäuser zu verhindern.
Siegfried Steinberg war Kantor der jüdischen Gemeinde und wohnte mit seiner Frau, Kindern und Enkeln direkt neben der Synagoge. Eine damalige Nachbarin erinnert sich Ende der 1970er Jahre rückblickend in einem Zeitungsinterview daran, wie sie im Vorgarten stand, als die Männer in die Wohnung der Steinbergs eindrangen. Sie erzählt, wie die SS-Männer ihrer Zerstörungswut freien Lauf ließen, Federbetten zerschlitzten, Geschirr und sogar eine Geige zerschlugen. Auch auf Siegfried Steinberg schlugen sie ein und brüllten ihn an, dass er es gewesen sei, der alles angesteckt hätte.
Vater und Sohn Steinberg wurden in dieser Nacht in Haft genommen und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Siegfried Steinberg kehrte zehn Tage später zurück. Sohn Ernst wurde erst im Januar 1939 entlassen. Er flüchtete mit Frau und Kind nach Ecuador.
Siegfried Steinberg versuchte vergeblich seinem Sohn dorthin zu folgen. 1942 wurde er nach Warschau deportiert. Er kehrte nicht zurück.
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- 71939: Gesellschaftliche Isolierung - Orte des Unrechts
Harzstraße 3, ehemalige Mittelschule
Die nationalsozialistische Politik verfolgte die Isolierung von Menschen, die nicht deren Rasseidealen entsprachen auf allen Ebenen. Hier beispielsweise in den Schulen.
Der Ausschluss jüdischer Kinder aus den öffentlichen Schulen wurde schon im April 1933 mit dem „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ eingeleitet. Es durften jetzt höchstens 5 Prozent der Schülerschaft in Bildungseinrichtungen „nicht-arischer“ Herkunft sein. Bei Neueinschulungen waren es nur 1,5 Prozent.
Am 7. November 1938 verübte ein Siebzehnjähriger jüdischen Glaubens in Paris ein Attentat auf den deutschen Diplomaten. Eine Woche später verkündete das „Reichsministerium für Wissenschaft und Erziehung“, dass es damit „keinem deutschen Lehrer und keiner Lehrerin mehr zugemutet werden [kann, jüdischen] Schulkindern Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, daß es für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen.“
Das Ausschlusskorsett wurde also immer enger und spätestens zum Jahresbeginn 1939 gab es an öffentlichen Schulen keine jüdischen Kinder mehr.Im Juni 1942 wurde den noch in Deutschland verbliebenen jüdischen Kindern dann auch jeglicher Schulbesuch in privaten Einrichtungen verboten. Damit war die Schulpflicht für jüdische Kinder de facto abgeschafft.
Einen weiteren Fokus legte die nationalsozialistische Politik auf die „Aussonderung“ von Kindern mit Lernschwächen und Körperbehinderungen. Mit dem vorgeschobenen Argument „Entlastung“ für die Volksschule zu schaffen, wurden diese Sonderschulen zugeordnet. Erbliche Behinderungsformen und offensichtliche Fehlbildungen waren Bestandteil des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Mit dem Stigma der Bildungsunfähigkeit und „unwerten Lebens“ versehen, wurden unzählige Kinder Opfer von Sterilisation und der „Euthanasie“-Tötungsmaschinerie.
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- 81940: Die Finanzbehörden - Orte des Unrechts
Am Alten Tore 6, Wohnort von Henriette Rosenthal
Die Finanzbehörden spielten eine zentrale Rolle bei der Aneignung jüdischen Vermögens. Durch Steuer- und Abgaberegelungen verleibte sich das nationalsozialistische Regime Vermögen, Grundstücke, Unternehmen und sogar Hausrat jüdischer Familien ein. So wurde neben der physischen und psychischen Verfolgung auch ihre finanzielle Vernichtung vorangetrieben.
Bereits 1934 erfolgte eine Anpassung der Reichsfluchtsteuer, die gezielt auf emigrierende Juden zugeschnitten wurde. Die Situation verschärft sich 1938. Im Frühjahr wird jüdischen Reichsbürgern auferlegt, ihr gesamtes Vermögen anzumelden, zu bewerten und Veränderungen anzuzeigen. Im November wird als Reaktion auf die Pogromnacht eine Sonderzahlung als „Sühneleistung“ von ihnen eingefordert. Wer mehr als 5000 Reichsmark besaß, musste in vier Raten 20 Prozent ableisten. Da die gewünschte Gesamtsumme von einer Milliarde Reichsmark dabei nicht zusammenkam, wurde im November 1939 eine fünfte Rate fällig. Gewerbebetriebe mussten geschlossen werden und viele Grundstücke wurden unter Druck verkauft. Alles, was durch Flucht oder Deportation zurückblieb - Möbel, Kleidung, Musikinstrumente, Hausrat – wurde behördlich genutzt oder zugunsten der Staatskassen öffentlich versteigert.
Die Witwe Henriette Rosenthal lebte hier, Am Alten Tore 6, mit ihrer behinderten Enkelin Lore. Nach dem Tod ihres Mannes war sie Eigentümerin des Grundstücks und wurde ebenfalls zur Zahlung der Judenvermögensabgabe verpflichtet. Da sie mit der Zahlung der fünften Rate in Rückstand war, beantragte sie einen Zahlungserlass, der aber abgelehnt wurde. Im Februar 1942 verfügte der Oberfinanzpräsident gemäß einer Verfügung des Braunschweigischen Innenministers die Einziehung ihres Vermögens zugunsten des deutschen Reiches.
Kurz vor der Deportation füllte Henriette Rosenthal, die inzwischen in einem der Wolfenbütteler Judenhäuser lebte, eine Liste der ihnen verbliebenen Gegenstände aus. Sie und ihre Enkelin wurden nach Auschwitz gebracht. Ihr restlicher Besitz fiel an das Deutsche Reich.
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- 91941: „Euthanasie“ und „Aktion T4“ - Orte des Unrechts
Kornmarkt, Busbahnhof
Bereits 1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen. Es erlaubte die Zwangssterilisation von Menschen, die als behinderte oder kranke Personen nicht den nationalsozialistischen Rasseidealen entsprachen.
Im Herbst 1939 verfasste Hitler ein formloses, geheimes Schreiben, in dem er verfügte: „[…], daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Die Krankenmorde, die als kriegsbedingte „Verlegungen“ getarnt wurden, begannen im Reich Anfang 1940 in Brandenburg.
In der Folge wurden bis Sommer 1941 über 70.000 Patienten und Patientinnen aus Heil- und Pflegeanstalten in sechs Tötungsanstalten überführt und mit dem Gas Kohlenmonoxid ermordet. Die Tarnbezeichnung „Aktion T4“ leitet sich von der Adresse der Berliner Euthanasiezentrale Tiergartenstraße 4 in Berlin ab. Nach Protesten aus der Bevölkerung – insbesondere der mutigen Predigt des Münsteraner Bischofs von Galen – wurde die Aktion ab dem Sommer 1941 beendet.
Auch 18 Frauen und Männer aus Wolfenbüttel, die in der Anstalt Königslutter untergebracht waren, starben 1941 auf diese Weise in der Tötungseinrichtung Bernburg. Ihre Namen und Lebensdaten sind nachzulesen in dem 2020 erschienen Buch von Susanne Weihmann „Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Königslutter und der Krankenmord“.
Tatsächlich jedoch wurden die Krankentötungen nun zwar nicht mehr zentral gesteuert, jedoch auf andere Art und Weise fortgesetzt. Aktuell wird davon ausgegangen, dass bis Kriegsende etwa 300.000 Patientinnen und Patienten durch Gas, Medikamente und Nahrungsentzug das Leben genommen wurde.
Da wenig persönliche Informationen bekannt sind, kann hier nur stellvertretend mit dem Foto eines der ursprünglich roten Transportbusse mit Reichspost-Kennzeichen an das Schicksal der Ermordeten erinnert werden. Die später graue Farbe war ein Luftschutz-Anstrich, die Fenster waren zur Tarnung verklebt.
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- 101942: Wannseekonferenz - Orte des Unrechts
Lange Herzogstraße 46
Am 20. Januar 1942 trafen sich hochrangige Vertreter des NS-Regimes in einer Villa am Berliner Wannsee, um zu koordinieren, wie die Ermordung der europäischen Juden auf Behördenebene möglichst effizient umgesetzt werden sollte. Das systematische Morden war da bereits von der NS-Führung beschlossen und in vollem Gange.
In einem Schreiben beauftragte Adolf Eichmann die seit Oktober 1941 laufenden Deportationen fortzusetzen. Kurze Zeit später wurden im Konzentrationslager Auschwitz die Gaskammern errichtet.
Am 31. März 1942 erfolgte die erste Deportation jüdischer Menschen aus Wolfenbüttel. Darunter waren auch ehemalige Bewohner des „Esbergschen Hauses“ in der Langen Herzogstraße 46.
Harri Sonnenberg wuchs mit seinen drei Geschwistern in Wolfenbüttel auf, zog aber im Erwachsenenalter fort. Im Mai 1940 kehrte er mit Frau und Tochter nach Wolfenbüttel zurück. Hier in der Langen Herzogstraße 46 lebten seine Eltern und seine Tante bereits gemeinsam mit anderen jüdischen Wolfenbüttelern. Seine Mutter Sara war 1938 an den Folgen eines Fenstersturzes, den Zeitzeugen als Suizidversuch beschrieben, verstorben. Die Beweggründe, aus denen Harri Sonnenberg mit seiner Frau Martha und der Tochter Ruth nach Wolfenbüttel zurückkehrte, sind nicht dokumentiert. Die Vermutung, dass die Sorge um den betagten Vater Bernhard und die Tante Johanna diese Entscheidung beeinflusst hat, liegt nahe.
Im Juli 1941 wurde die Familie gezwungen, von hier in eines der Wolfenbütteler „Judenhäuser“ umzuziehen, von wo aus Harri, Martha und Ruth 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert wurden. Dort verliert sich ihre Spur.
↓ 8 Min. zu Fuß (589 m) حتى المحطة التالية
- 111943: Deportation - Orte des Unrechts
Jüdisches Mahnmal
*„Zur Erinnerung an die Jüdischen Wolfenbütteler die in der Zeit des Nationalsozialismus in der Stadt gelebt haben, hier gestorben sind, die flüchteten, die Selbstmord begingen, die in Konzentrationslagern ermordet wurden oder umgekommen sind.“
*
So lautet die Inschrift im Davidstern des „Jüdischen Mahnmals“, in den zudem zahlreiche Namen verfolgter Jüdinnen und Juden graviert sind. Rostige Stahlelemente scheinen den Davidstern zu durchbohren, sie ragen kreuz und quer in die Höhe, mit Steinen gefüllt. Ihr Anblick erinnert an die harte Zwangsarbeit in den Stahlwerken undist gleichzeitig als Symbol für die Deportationen in Eisenbahnwaggons zu lesen.Für das Denkmal, erarbeitet von Jugendlichen der Kunstschule „Rundum Kunst“, wurde ein Standort in der Nähe der Bahnhofstraße gewählt. Unter den vielen Stolpersteinen in dieser Straße lässt sich auch der von Pauline Cohn finden. Im März 1943 leidet die Witwe unter quälender Sorge um eines ihrer vier Kinder, ihren Sohn Max. Er ist in Theresienstadt. Wenige Tage später wird Pauline Cohn ebenfalls nach Theresienstadt deportiert und trifft hier Max wieder.
Im Buch „Jüdische Familien in Wolfenbüttel – Spuren und Schicksale“ von Jürgen Kumlehn finden sich lange Berichte des überlebenden Max Cohn. Er erinnert sich rückblickend: *„Mit einem der letzten normalen Massentransporte kamen die Wolfenbütteler im März 1943. […] Mutter war zuerst schlecht auf einem großen, zugigen Dachboden untergebracht. […] Ihr müsst euch das richtig vorstellen. Auf jedem Boden mehrere 100 Menschen. Darunter immer Sterbende. […]“
*
Max konnte sich erfolgreich für eine verbesserte Unterbringung einsetzen und Mutter und Sohn haben noch ein ganzes Jahr zusammen in Theresienstadt verbracht. Pauline Cohn starb im April 1944 in Max` Armen.Für die Zurückbleibenden spitzte sich die Lebenssituation in Theresienstadt immer weiter zu. Nach Kriegsende schreibt Max dazu: „Einmal war ich fast froh, dass Mutter und die anderen [Wolfenbütteler] nicht mehr lebten als im Mai 1944 wieder Alterstransporte einsetzten. Hier gingen die damals noch lebende Frau Grünberg und Frau Oschitzky mit fort.“
↓ 6 Min. zu Fuß (410 m) حتى المحطة التالية
- 121944: 20. Juli 1944 - Orte des Unrechts
Schloss-Schule
Am 20. Juli 1944 erfolgte ein Sprengstoffattentat auf Adolf Hitler. Hitler überlebte, der geplante Regierungsumsturz misslang. Zum Kreis der Widerstandsgruppe gehörte auch der beruflich in Wolfenbüttel tätig gewesene Oberstleutnant Werner Schrader. Er hatte den Sprengstoff für die Anschlagsbombe geliefert. „Ich gehe nicht ins Gefängnis, ich lasse mich nicht quälen“, schrieb er am 28. Juli auf einen Zettel und erschoss sich.
Als man in Wolfenbüttel erfuhr, dass ein ehemaliger Lehrer und Bewohner der Stadt zu dem Kreis der „Verräter“ gehört hatte, brach eine regelrechte Hysterie unter den örtlichen Protagonisten des NS-Regimes aus. Ein damaliger Grundschüler erinnerte sich 2015: „An einem Sommertag wurde der Schulbetrieb unterbrochen. Wir mussten das Gebäude verlassen und auf dem Schulhof antreten [...]. Und dann erschien ein Mann in Uniform [...], bestieg ein kleines Podium und begann eine Rede nicht zu halten, sondern zu schreien, zu schmettern, zu brüllen … Ich […] hatte Angst, weil [mir]* nicht klar war, wem da eigentlich gedroht wurde und warum.“
*
Werner Schrader, Jahrgang 1895, war aus Königslutter gebürtig. Nach der Ausbildung zum Lehrer meldete er sich sogleich als Freiwilliger zum Kriegsdienst. Nach Kriegsende ging er in Wolfenbüttel am Schloss in den Schuldienst. Seine Wohnung nahm er im Hause Reichsstraße 1 (Prinzenpalais).Schrader war in mehreren deutsch-nationalen Vereinen engagiert, unter anderem in dem Wehrverband Stahlhelm. Trotz seiner nationalistischen Grundeinstellung geriet er in Konflikt mit den im Freistaat Braunschweig regierenden Nationalsozialisten. Er wurde als Hochverräter angeklagt und aus dem Schuldienst entlassen.
Nach einer erfolgten Amnestierung wurde Werner Schrader zur Wehrmacht einberufen und dem Hauptquartier des Oberkommandos des Heeres zugeteilt. Er bekam Zugang zum militärischen Widerstandskreis um Admiral Wilhelm Canaris. Hier legte er ein geheimes Archiv mit Meldungen und Fotografien zu Gräueltaten der SS an
↓ 11 Min. zu Fuß (815 m) حتى المحطة التالية
- 131945: Tag der Befreiung - Orte des Unrechts
Breite Herzogstraße 27, Friseursalon Kramer
Endlich heiraten!
In den ersten Apriltagen des Jahres 1945 näherte sich die 9. US-Armee Wolfenbüttel. Währenddessen versuchte das nationalsozialistische Regime, seine Macht mit brutalen Mitteln weiterhin aufrecht zu erhalten. Menschen wurden bis in die letzten Stunden des Krieges hingerichtet und auf der Titelseite der Braunschweiger Tageszeitung wurde noch am 10. April jedem gedroht, der nicht Widerstand leisten würde. Bei weiten Teilen der Bevölkerung herrschte Verunsicherung, als am 11. April 1945 amerikanische Soldaten die Stadt einnahmen. Aber für zwei Menschen in Wolfenbüttel bedeutete dieser Tag:
Endlich dürfen wir heiraten!Nur zehn Tage nach der Befreiung Wolfenbüttels, am 21. April 1945, gaben sich die Friseurin Margarete Muhs und der Friseurmeister Kurt Kramer das „Ja-Wort“. Sechs Jahre lang hatten die beiden auf diesen Moment warten müssen. Kurt Kramer war gemäß der „Nürnberger Rassegesetze“ ein „Mischling 1. Grades“, was ihre Verbindung zum „Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbat. Doch davon ließen sich die beiden nicht abschrecken und lebten bereits seit 1939 unter einem Dach.
In den 1950er Jahren wurde ihr Heiratsdatum aus unbekannten Gründen auf den 1. September 1939 zurückdatiert.
Margarete Kramer brachte zwei Söhne mit in die Ehe, die von Kurt als seine eigenen angenommen wurden. Das Paar betrieb in der Breiten Herzogstraße 27 einen Friseursalon, wo die Familie auch wohnte. Kurt Kramer wurde noch 1945 Obermeister der Friseur-Innung.
Die 1930er und 1940er-Jahre waren für Kurt Kramer eine schwere Zeit. Er musste Zwangsarbeit leisten und war zeitweise in einem Lager im Emsland inhaftiert. Als einer der „Moorsoldaten“ zog er mit einem Spaten ausgestattet ins Moor zum Trockenlegen, Torf stechen oder Straßen bauen.
Obwohl es scheint, als hätte er nach dem Krieg in ein bürgerliches Leben zurückgefunden, wurde Kurt Kramer 1959 tot aufgefunden. Die Umstände deuten darauf hin, dass er sich das Leben nahm.
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Basisdaten: Lessingstadt Wolfenbüttel, Niedersachsen Hub (الترخيص CC0)
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